Vergesst den “Grundschritt”

November 13, 2009

Klar, als ich angefangen habe Tango zu lernen, haben mir meine ersten Tangolehrer auch den sogenannten „Grundschritt“ beigebracht. Damals, in den Anfängen des Tango Argentino in Deutschland, machten das fast alle so.

Soweit mir bekannt ist, hatte kurz zuvor Antonio Todaro, einer der berühmten argentinischen Bühnentänzer, als er in Europa unterrichtete, diese Methode eingeführt, weil er (und möglicherweise viele andere Argentinier) glaubte, dass die Europäer unfähig seien, den Tango auf andere Weise zu lernen.

Warum er davon ausging, dass dies eine gute Methode sei, kann ich nicht wirklich nachvollziehen..

Argentinischer Tango ist ein völlig improvisierter Tanz, was alle Tangolehrer, die ich kenne, auch sofort und immer wieder bestätigen.

Natürlich fällt an dieser Stelle jedem Tangotänzer auf,   dass es hier einen Widerspruch gibt. Wie kann ein Tanz, der von Anfang bis Ende völlig improvisiert ist, eine festgelegte Schrittfolge haben?

Gut, das ist eine sehr fundamentale Frage und man könnte gelassen darüber hinweggehen, wenn der sogenannte Grundschritt nicht eine ganze Reihe negativer Auswirkungen hätte.

In der Praxis ist es doch so, dass die meisten Tangotänzer, die den sogenannten Paso di Base  gelernt haben, zumindest für lange Zeit nichts anderes können als eben diese auswendig gelernte Schrittsequenz, und deshalb auf der Tanzfläche dauernd in Schwierigkeiten geraten.

Warum das so ist? Die Antworten darauf sind einfach.

Zum einen sind auf der Tanzfläche meistens viele andere Tänzer, die auf wundersame Weise immer im Weg stehen, wenn man gerade seinen Grundschritt oder sonstige vorfabrizierte Schritte machen will.

Die Folgen daraus sind Zusammenstöße mit anderen Tänzern, Ärger und Frust, weil man einfach nie richtig zum Tanzen kommt und schließlich bei vielen der endgültige, entnervte Rückzug von der Tanzfläche.

Zum anderen verschwenden die Tänzer, die als erstes den  sogenannten Grundschritt lernen, Zeit damit, eine,  letztlich unnötige, Schrittfolge einzuüben, anstatt sich auf wirklich wichtige Dinge zu konzentrieren.

Was ist also wichtig beim Tango?

Um das zu beantworten kann man vier einfache Fragen stellen.

Kann man Tango tanzen ohne auf die Musik zu achten? Ein klares Nein

Kann man Tango tanzen, ohne auf seinen Partner zu achten? Auch hier ein klares Nein

Kann man Tango tanzen, ohne auf die anderen Paare im    Saal zu achten? Wenn man nicht dauernd Ärger haben will natürlich nicht

Kann man Tango tanzen, ohne einer bestimmten, auswendig gelernten Schrittkombination zu folgen? Aber selbstverständlich!

Wenn man sich aber auf den sogenannten Grundschritt konzentriert passiert aller Erfahrung nach folgendes:

Die meisten Anfänger sind so beschäftigt damit, die Schrittfolge einzuüben, dass sie sich meistens nicht mehr auf die Musik konzentrieren können und tanzen völlig unabhängig von der Musik (freundlich ausgedrückt). Tango ist das dann natürlich nicht mehr.

Da man sich ja vorab auf ein bestimmtes Schrittmuster geeinigt hat, welches beide Tanzpartner im Prinzip auch unabhängig voneinander auswendig tanzen könnten, legt man keinen Wert mehr auf den Kontakt innerhalb des Paares.

Leider ist es offensichtlich so, dass viele Lehrer, die offensichtlich selber keine Ahnung haben, ihren Schülern gar nicht vermitteln, wie man zusammen tanzt, mit seinem Körper Einladungen vermittelt oder spürt, was der Partner will.

In der Folge heißt das, dass die Damen, oder wer auch immer die Damenrolle übernimmt, wie eine mechanische Puppe auf Knopfdruck eingeübte Figuren ausführen, egal ob sie geführt wurden oder nicht.

Die Herren, die nie gelernt haben, ihre Tanzpartnerinnen zu führen (oder besser, sie zu einem Schritt, einer Bewegung zu verführen) ziehen und zerren an den Damen (oder tun frustriert gar nichts mehr) und sind verärgert oder frustriert, wenn diese nicht tun, was von ihnen verlangt wird, weil sie es schlichtweg nicht verstehen.

Kurz, eines der wichtigsten Dinge im Tango, die Kommunikation zwischen den Tanzpartnern geht verloren.

Wenn man nie gelernt hat frei und improvisiert mit der Musik zu tanzen, sondern stattdessen nur eine bestimmte Schrittfolge tanzt (im schlimmsten Fall noch gegen die Tanzrichtung) ist der Ärger mit den anderen Paaren vorprogrammiert. Zu allem Unglück haben die meisten Tänzer, die die Grundlagen des Improvisieres nicht gelernt haben auch nie etwas von Navigation auf der Tanzfläche und Respekt vor den anderen Paaren gehört.

Eine der schönsten Erfahrungen im Tango, das gemeinsame Tanzen in der „Ronda“, dem harmonischen Tanzfluss aller Tänzer auf der Tanzfläche, wird damit erschwert und meistens ganz unmöglich gemacht.

Also, mein Appell an alle Tänzerinnen und Tänzer (und natürlich an alle Lehrer):

Vergesst den „Grundschritt“, konzentriert Euch  auf die wirklich wichtigen Dinge und fangt an zu tanzen!

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